Meine schlimmste Weihnachtsserinnerung

Ich muss das jetzt mal aufschreiben sonst platz ich womöglich noch. Ich denke da , vor allem immer um diese Jahreszeit,  gerade so oft dran und vielleicht werde ich ja so die Geister der Vergangenheit los.

Ich weiß nicht wie alt ich da war, vllt 4 oder 5 oder 6.

Wir feierten zum ersten Mal am 24. Nicht bei uns, sondern bei meinem Onkel und gleichaltrigen Cousin und seiner neuen Freundin (also vom Onkel ) und ihrer Tochter . Es war eigentlich ganz ok, wir spielten im Kinderzimmer und auf einmal riefen die Erwachsenen der Weihnachtsmann war da. Wir liefen total aufgeregt ins Wohnzimmer und sahen schon die vielen Geschenke unter dem riesigen Tannenbaum. Wir stürmten hin und suchten unsere. Nirgends stand mein Name drauf (offensichtlich konnte ich schon lesen, dann war ich wohl doch eher 6) . Ich sah mir jedes Geschenk an. Wirklich keins davon war für mich. Ich war den Tränen nahe. War ich nicht lieb genug gewesen ? Hatte der Weihnachtsmann mich bestraft ? Die anderen merkten das gar nicht , sie beobachteten wie die beiden anderen ihre Puppe und ihr Auto und alles andere freudig strahlend auspackten. Ich weiß nicht warum ich so lange wartete, (wahrscheinlich weil es unhöflich ist nach Geschenken zu fragen ) nach einer ganzen Weile erst ging ich zu meiner Mama und die fragte mich warum ich nicht auspacken will . Da erst weinte ich sehr und sagte da ist keines für mich . Meine Mama war verwundert und fragte meine Oma . Und jetzt kommt DER Moment und die Worte . Sie zeigte auf die hintere Ecke (ganz andere Richtung vom Baum ) und sagte : “ Da hinterm Ofen liegen die.“ Meine Mama fragte warum die nicht auch wie alle anderen unterm Baum liegen würden . Meine Oma antwortete : „Na, sie gehört doch nicht zur Familie , ist doch klar das ihre nicht bei den anderen liegen .“ Drehte sich um und freute sich mit den anderen. Wohlgemerkt – mit der NICHT verwandten Tochter der NICHT angeheirateten Freundin meines Onkels. Aber ICH gehörte nicht zur Familie ??? Oh es tat mir so weh. Wie ich in meiner Ecke , Tränen runter schluckend,  alleine meine Geschenke auspacken musste, nur meine Mama war bei mir, alle anderen waren am anderen Ende des Raumes bei den anderen beiden Kindern .

Ich werde diese Situation nie vergessen und noch dazu beschreibt sie ausführlich die Gefühle meiner Oma mir gegenüber . Warum auch immer, sie mochte mich nicht . Noch nie . Ihr eindeutiger Liebling war mein Cousin (das rührt wohl daher das seine Mutter nach der Geburt abgehauen ist und sie Mutter Ersatz sein wollte, bis heute ist noch nicht mal klar ob mein Onkel überhaupt der leibliche Vater ist , meine Mama erzählt immer mal wieder sie hat ihm das Kind untergeschoben ) und dann immer das jeweilige Kind der jeweiligen Freundin meines Onkels. Während mein Cousin mit Liebe und Geschenken überschüttet wurde, war ich nur Last. Geschenke bekam ich nie. Wenn ich bei ihr war, dann durfte ich nicht mit dem dortigen Spielzeug spielen,  weil das ja für meinen Cousin reserviert war, ich bekam zum spielen Waschlappen.  Auch sowas was irgendwie nie aus meiner Erinnerung verschwinden wird. Ich war höchst ungern bei meiner Oma,  dabei wohnte sie direkt um die Ecke. Seit 14 Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen , seit 14 Jahren wollte sie nichts mehr von mir wissen . Als ich 15 war, auch an Heligabend , sah ich sie zum letzten Mal. Sie reichte durchs Fenster WeihnachtsGeschenke für meine Schwester rein. Wohlgemerkt , für meine Schwester  (damals 2) . Für mich nicht . Denn sie war sauer auf mich, weil ich sie die Woche davor nicht besuchen kam. Das muss man sich mal vorstellen.  Eine erwachsene Frau die sich so mies gegenüber ihrem Enkelkind verhält …. Jetzt , da ich selber Mutter bin, ist es für mich noch viel unverständlicher.

Sie kam damals übrigens nicht rein, weil sie den Kontakt zu uns nicht mehr möchte. Wegen meinem Vater und überhaupt . Auch mit uns Enkelkindern mag sie keinen Kontakt mehr haben.  Wenn ich möchte,  ok,  dann soll ich doch zu ihr kommen, an die klingel komme ich ja wohl. Das waren ihre letzten Worte die ich hörte. Natürlich bin ich , hallo ? Ich war 15 und mitten in der Pubertät, nie zu ihr gegangen . Ich war anfangs beleidigt und auch einfach nur froh das ich nicht mehr dort hin musste. Dann war ich sauer. Wie kann die eigene Oma nichts mehr von einem wissen wollen??

Meine Mama hat sie , wie gesagt wohnte sie ja direkt um die Ecke,  natürlich öfter mal gesehen. Doch kein einziges Mal in all den Jahren hat sie nach mir oder meiner Schwester gefragt. Wenn sie überhaupt sprachen , dann jammerte sie nur über sich.

Sie weiß nicht das ich in weit weg wohne, studiert habe, arbeite, verheiratet bin. Sie weiß nicht das sie Uroma von 2 wunderbaren Urenkeln ist…

Sie wird es auch nie mehr erfahren .

Ein paar Mal war ich drauf und dran zu ihr zu gehen . Vor allem seit es Erna gibt. Doch jedes Mal vorher spreche ich mit Leuten oder sehe berichte. Darüber das es Umgangsrecht für Großeltern gibt. Darüber das Großeltern drum kämpfen müssen und auch wollen (!!) ihre Enkelkinder zu sehen.  Meine Nachbarin schreibt ihrer Enkeltochter jedes jahr zum Geburtstag rührende Briefe mit Kontaktangeboten.

Ich war noch ein Kind als ich nie wieder was von ihr hörte. Nicht an meinen Geburtstag,  nicht zu Weihnachten oder Ostern . Einfach nie wieder. Sie hat mich vergessen und verdrängt.

 

Jetzt ist sie nicht mehr da. Meine Oma. Einfach ohne Erklärung hat sie die Welt verlassen. So wie sie schon seit 14 Jahren mich und das Oma-Sein verlassen hat. Ich hätte irgendwie sehr gerne mal ihre Version der Geschichte gehört. Was ich ihr getan habe.  Was los war.

Doch das ging nicht . Seit einem mysteriösen Treppensturz im Sommer lag sie im Koma. Seit 3 Wochen wussten wir das es zu Ende ging. Ich wollte sie gar noch mal im Pflegeheim besuchen , das fremdeln vom wutz verhinderte dies . Es hätte sicher auch nichts gebracht. Sie hätte keine Antworten für mich gehabt.

Nun ist sie gestorben . Ich versuche andauernd an irgendwas nettes das sie betrifft oder getan hat zu denken. Aber mir fällt partout nichts ein. Nur diese Weihnachtsstory. Und die anderen Sachen die ich schrieb.

Ich hätte vielleicht doch versuchen , mehr versuchen sollen, einen Kontakt zu ihr zu finden. Denn sie war wirklich eine tolle Oma – für meinen Cousin . Genau wie man sich eine Oma immer vorstellt. Hatte immer essen und Süßigkeiten für ihn und steckte ihm alle Nase lang Geld zu. Sie machten tolle Ausflüge und sie war immer für ihn da. …Mehr wollte ich doch auch nicht…

Finde deinen Frieden.