Versagt

Die letzten beiden Wochen waren ein absoluter Härtetest. Sowohl für mich als Mutter und Arbeitnehmerin, aber auch für uns als Ehepaar und Eltern und zu guter Letzt leider auch für die Erna.
Wie ja schon jedem bekannt sein dürfte, haben die städtischen Kitas die Pforten dicht gemacht. Das war für uns persönlich schon ein ziemliches Dilemma.
Denn nachdem ich erst vor kurzem das Jahresgespräch mit der Abteilungsleitung hatte und ich dort die Streikgefahr bereits ansprach, wurde deutlich- Urlaub nehmen ist nicht. Auch wenn ich sowohl genug Überstunden als auch genug Urlaubstage hätte. Im Sinne der Kollegialität und weil ich bereits sehr oft wegen Krankheit des Kindes ausgefallen bin, außerdem habe ich ja nun extra diesen wohl gerühmten Telearbeitsplatz bekommen, auf den sehr sehr viele Kollegen extrem neidisch sind und ich daher sowieso bei denen auf der Abschussliste stehe. Ich solle doch gucken, wie ich es hinkriege, man unterstützt mich auch in der Hinsicht, dass ich nicht ins Geschäft fahren und dort bleiben muss, sondern daheim bleiben darf. Oder sogar die Erna mal mitnehmen.

Aha.

Obwohl ich sehr gehofft hatte, kam der Streikfall tatsächlich. Und damit unsere Notsituation. Meine Eltern wohnen 600km entfernt und arbeiten auch beide noch, haben nebenbei selbst noch ein 14-jähriges Kind zu versorgen.  Mein Mann, was gleichbedeutend mit meinen Schwiegereltern ist- Familienbetrieb u know,  hat jetzt Hauptsaison (Landwirtschaft, die Erdbeersaison ist voll am laufen). Das bedeutet, NULLO bis gar keine Chance für mal eben „frei“ machen.
Ziemlich hoffnungslos gründete ich eine Whatsapp- Gruppe mit Freunden und Bekannten (-> so verzweifelt war ich schon) und fragte nach Hilfe. Was schon allein sehr schwer fiel, denn ich frage NIE nach Hilfe.
Wider erwarten kam doch relativ gute Resonanz. So das ich zumindest ein paar Stunden Babysitter zur Verfügung hatte. Erschwerend kam ja noch hinzu, dass ich auf Arbeit gerade sowieso Dauervertretung für eine Kollegin mache (seit Oktober krank, wird wohl bis Renteneintritt im Herbst so bleiben….)  und eine andere 2 Wochen (ausgerechnet diese) im Urlaub ist. Also auch noch massig zu tun.

De facto war es so, dass ich Erna morgens auf die Couch setzte, TV an, Frühstück auf den Schoß und ich direkt an den Schreibtisch bin. Das war dann eine halbe Stunde. Länger hält Erna das mit dem fernsehen auch nicht durch. Dann hab ich sie zu mir geholt, Blatt und Stift gegeben und gehofft sie möge sich beschäftigen. Erna hat gemalt, ist rumgelaufen, hat ganz oft gefragt wann ich denn zum spielen komme, hat sich selbst Bücher vorgelesen (es brach mir das Herz 😦 ) weil ich ja nie kam und wollte dann wieder zu Mama. Insgesamt war das dann eine Stunde. In der Zeit saß ich aber nicht komplett am Schreibtisch und konnte mich voll konzentrieren. Ein Auge immer auf Erna, Sender-Empfang eigentlich nur aufs Kind. Das nötigste und ungefährlichste im Job nebenbei erledigt. Dann kam das Ipad ins Spiel. Wieder 20-30 Minuten, in denen das Kind mit einer Puzzle-App beschäftigt war. Direkt danach Youtube. Zwischendrin immer mal wieder raus gehen und Seifenblasen pusten lassen. Ganz viele vollgepullerte Hosen gewechselt. Auch mal geschwind gefrühstückt. Gegen 11 wird Erna zum Glück erstmals müde. Noch vorm Mittagessen stopfte ich sie also ins Bett, schnell schnell. Wieder halbe bis 1 Stunde arbeiten. Im Akkord. Dann wieder zum Kind hetzten. Schnelles Mittag zaubern (es gab SEHR oft die letzten Tage Spinat bei uns) und hoffen das der Papa bald kommt. Der kam gegen 13 Uhr. Wieder eine halbe Stunde (mit viel Glück, wenn Erna nicht zu sehr Sehnsucht hat) arbeiten. Dann Papa wieder weg. Das Wetter ist schön, Erna will raus auf den Spieli. Immer wieder das Kind vertrösten. Zum Schluss mit Erna auf dem Schoß am PC sitzen. Zwischendrin wieder Youtube-Versuch. Dann war ich fix und alle. Auch was gegessen. Erna spielen lassen und Arbeit mitgenommen. Keine Zeit um was anzugucken. Gegen 17 Uhr schnelles Abendbrot und das Kind noch schneller ins Bett verfrachten. Pustekuchen. Wovon sollte sie auch müde sein? 2 Stunden Einschlafdrama und entnervtes Aufgeben. Erna und ich sind wieder unten. Es ist halb 8. Der Papa kommt. Muss Erna ins Bett bringen. In der Zeit räume ich das totale tägliche Chaos auf. Versuche es. Muss aber noch ein bisschen was schaffen, sonst komm ich am nächsten Tag nicht klar. Am Schluss sind wir alle erst 22 Uhr ins Bett. (was ich damit sagen will, am Abend arbeiten war auch nicht wirklich drin, 2 Mal bin ich 20 Uhr noch ins Geschäft, ist aber auch nicht Sinn der Sache)
An 2 Tagen hatte ich nachmittags 2 Stunden und einmal 4 Stunden Betreuung für Erna. Was mache ich da? Hetze wie eine Blöde ins Geschäft, weil ich da ja auch anwesend sein muss. Pausen Fehlanzeige. Ich bin wirklich immer nur von A nach B gehetzt, immer die Akten im Nacken, die Sorge ob Erna mich arbeiten lässt. Denn sehr gerne hat sie den PC ausgeschaltet. Mitten in wichtigen Dingen. Oder ständig eingepinkelt, obwohl ich sie 1 Sekunde vorher gefragt hab. Mit purer Absicht. Obwohl es vorher SO gut klappte. Oder sie hat Erdbeeren in die Couch eingeschmiert.
Das kann man einmal machen, vielleicht auch zweimal.
Aber nicht 2 Wochen. Ich war am Ende. Völlig. Ich hatte keine Nerven mehr. Bin jetzt die letzten Tage ständig auf dem Zahnfleisch gegangen und war SEHR gemein zu Erna. Am Dienstag und Mittwoch kam die Eifersucht. Da war die Cousine da und hat 2 Stunden Betreuung gemacht. Ich war oben am arbeiten. Und habe sie lachen gehört. Spielen gehört. Buch anschauen gehört. Nach der Eifersucht kam die Erkenntnis. Die Erna IST eine super super super liebe Maus, alles was sie „schlimmes“ getan hat, war lediglich weil sie meine Aufmerksamkeit wollte. Ich habe die letzten 2 Wochen NULL Mal MIT ihr gespielt, mit ihr ein Buch angeschaut. Eigentlich habe ich sie immer nur vor irgendwelchen Geräten oder Spielen abgeworfen und gehofft sie beschäftigt sich schon allein irgendwie…. Ich war eine sehr sehr sehr schlechte Mutter. So wollte und will ich nicht sein.
Mit dem Wissen (okay, es war eher die Hoffnung) das Freitag die Kita wieder aufhat, habe ich mir den Donnerstag ab 12 Uhr nur für Erna genommen. Ich habe den PC ausgemacht. Die Arbeit, die Hektik, der Stress war mir egal. Ich habe auch KEIN Handy mitgenommen. Wir waren den kompletten Nachmittag draußen. Haben gespielt, Seifenblasen gepustet, sind gerutscht und geschaukelt. Wir haben ALLES gemacht was Erna wollte. Sie hat es so sichtlich sehr genossen, dass mein schlechtes Gewissen ins Unendliche wuchs. DAS bin ich. SO eine Mama will ich sein und so lief es ja auch eigentlich bei uns. VORHER.
Und heute? Heute hat die Kita tatsächlich aufgehabt. Vor lauter Schreck haben wir sogar das Vesper vergessen, das ich nachher nochmal vorbei brachte. Auf allen Seiten war die Freude riesig wieder in die Kita zu dürfen. Ja, auch die Erzieher waren sehr froh. Es war so schön. Und was ich alles geschafft habe in dieser Zeit. Ich war beim Arzt, ich habe so unendlich viele Akten weggeschafft wie in den letzten 2 Wochen nicht, nebenbei noch das Haus aufgeräumt und geputzt, die Wäsche gemacht. Kurz vor 15 Uhr das Kind geholt. Ein glückliches Kind. Und wieder nur Ernazeit verbracht.
SO sollte es sein.

Was wir beim nächsten Streik machen weiß ich nicht, aber so wie beschrieben kann es nicht nochmal ablaufen. Denn in diesen 2 Wochen habe ich als Mama total versagt. Leider.

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7 Gedanken zu „Versagt

  1. Hör auf mit dem schlechten Gewissen. Die 2 Wochen machen nur n fliegenscheiss aus (auf die ganze Zeit gesehen) und wer erinnert sich da noch dran? Ich drücke ganz fest die Daumen das es nicht mehr vorkommen wird (oder wenn dann für euch nicht mehr relevant ist) … und denk mal an die Beurteilung … du hast eine tolle Tochter und was sie alles kann. Sei stolz darauf und glücklich. ;-*

    • ja da hast du ganz sicher recht, aber ich hab immer so das Gefühl sie weiß es eben doch (noch alles). Dabei ist mir eigentlich schon klar das sie das irgendwann gar nicht mehr wissen kann, weil meine frühesten Erinnerungen sind ewig viel später 😛
      Leider wird es (wenn die sich nicht bald einigen) nächste Woche wieder genauso werden…. aber ich versuche einfach mein Bestes.
      Danke dir für deine tollen Worte! 😀

  2. Ach Mensch.. Ihr Armen.. bei uns wurde zum Glück nicht gestreikt. Und – auch wenn bestimmt viele neidisch sind – wir haben nur einen Tag Kita Schließzeit im Jahr :)… Aber ich verstehe total was du meinst. Das Kindlein war soooo oft zu Hause, weil sie erkältet war und ich nicht wollte, dass sie sich was schlimmeres einfängt. Und wenn ich dann mal eben was machen MUSS und mich dann so mit Tränen gefüllte Augen anstarren.. tja, dann isses vorbei. Das schlechte Gewissen ist dann so schnell da… so schnell kann man nicht mal „Sorry“ sagen. Und auch wenn es nur zwei Wochen waren.. und es vermutlich aufs Leben gesehen nix ausmacht… schlecht fühlen darfst du dich. Aber nun ist ja alles erst mal wieder gut und Erna im Kindi! *freu*

    • echt? nur einzigen Tag? Jetzt interessiert mich ja doch schon WANN der ist 😛 hat die Kita dann rein theoretisch an Silvester auf?
      Ja 😀 vorerst (noch morgen) ist alles wieder gut, aber wenn es ganz ganz dumm läuft geht es ab Montag wieder weiter… unbefristet *seufz*
      Aber wir hoffen jetzt einfach mal das Beste 😀

      • Die Kita ist nur einen einzigen Brückentag geschlossen (der war im Mai). Achso, und über Weihnachten. Das hab ich mal außen vor gelassen. Das war’s 🙂

  3. Oh man klingt das mies…unsere Kita hat bisher immer 1-2 Tage die Woche gestreikt, ab kommender Woche streikt sie durchgängig und unbefristet. Ich bin nun nicht berufstätig in dem Sinne, wie du es bist. Aber ich bin gerade dabei mein Studium zu beenden und je nach dem wie lange der Streik geht, wirft mich das unglaublich zurück. Den Großen zu beschäftigen geht ja noch, aber die Kleine braucht natürlich volle Aufmerksamkeit. Außerdem hab ich Termine wie zb meine Rückbildung, die ich nun knicken kann, denn mit 2 Kindern komme ich da eh zu nix. Also lass ich es gleich. Ich hoffe so sehr, dass die Gewerkschaft sich bald mit den Kommunen einigt. Und für dich hoffe ich auch, dass eure Kita nicht noch mal streikt!

    • Oh je, für uns ist der Streik wirklich schlimm, aber deine Situation stelle ich mir auch dermaßen schwierig vor 😦 Wie habt ihr die Woche überstanden? Hat der Mann dir geholfen?
      Ich hoff jetzt mal für uns beide das die sich diese Woche einigen, sonst steht zumindest bei uns ab Montag die Welt leider wieder still- im negativsten Sinne 😦

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